2
Mrz
2015

Warum Heimkehren der größte Kulturschock ist

Ich erinnere mich noch ganz genau als ich im Mai 2012 von meinem dreimonatigen Aufenthalt in Singapur zurückkehrte. Während der Landung auf dem Frankfurter Flughafen schüttete es aus allen Eimern, es sah grau und trist aus. In dem Moment dachte ich nur: Oh man, ich will nicht landen! Ich will nicht hier sein! Ich will diesen langweiligen Alltag nicht zurück!

Fortzugehen empfand ich schon immer einfacher als zurückzukehren. Es ist jedes Mal so, dass ich in der Heimat erstmal nicht klar komme. Vor allem, wenn ich längere Zeit, mehrere Wochen, Monate oder Jahre, unterwegs war. Jedes Mal musste ich mich wieder akklimatisieren. Die hier existierende Stimmung und Lebensart schlug mir auf das Gemüt. Zumal ich auch drei Jahre im Süden (Spanien, Griechenland) gelebt habe. Der südländische Flair war nicht mehr gegeben. Mir fehlte die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit, diese lebendige, positive Lebensenergie!

Nur warum ist es so schwer heimzukehren, wenn wir unser Zuhause doch kennen?

Es liegt nicht an den anderen. Es liegt nicht an Deinem Umfeld. Es liegt ganz alleine an Dir! Reisen verändert Dich! Das ist einfach so. Und nach der Heimkehr, ist nichts mehr wie es war. Das, was zu Hause als in Ordnung empfunden wurde, ist es auf einmal nicht mehr. Du fühlst Dich in Deinem eigenen Heimatland wie ein Fremder. Du hast das Gefühl nicht mehr reinzupassen. In meinem Fall muss ich ehrlich zugeben, dass ich jedes Mal bei meiner Heimkehr in ein Loch falle. Mich überkommt eine Depression und Niedergeschlagenheit. Auf Reisen lernst Du viel Neues: über Dich, über andere Kulturen und Menschen, erhältst neue Sichtweisen und entwickelst Dich einfach weiter. In einen organisierten, „normalen“ Alltag zurückzukehren, ist eine Herausforderung und kann ziemlich an der Psyche kratzen.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht auf meine Familie und Freunde freue. Ich bin ein absoluter Familienmensch! Aber die Tatsache, mich wieder diesem trotten Lebensstil und diesen gesellschaftlichen Normen anpassen zu müssen, erschwert mir die Eingliederung in den Alltag ungemein. Zu viel Hamsterrad und zu viel Bürokratie! Dazu kommt noch, dass das Umfeld diese Erfahrung nicht unbedingt nachvollziehen kann. Entweder sind sie gelangweilt oder es ist zu abstrakt, weil es für sie nicht greifbar ist oder vielleicht sogar Neid eine Rolle spielt, weil sie selbst nicht den Mut hatten, diesen Schritt zu wagen. Das frustriert und Du fühlst Dich einsam. Deine Perspektive hat sich verändert, Dein Horizont erweitert, aber Dein Zuhause ist gleich geblieben.

Entweder Du akzeptierst, dass nur Du Dich verändert hast, versuchst Dich wieder in das normale Leben einzugliedern oder die Alternative dazu: Nicht rumnörgeln und sagen, wie scheiße alles in Deutschland ist, sondern auswandern! Ja das klingt drastisch, aber es bleiben nur zwei Möglichkeiten. Akzeptiere es oder schreite einen neuen Weg ein. Bevor Du aber direkt zu Schritt zwei greifst, gib dem ganzen eine Chance. Ankommen braucht Zeit!

Wie kannst Du Dich zu Hause wieder eingliedern?

Mir tut der Austausch mit Gleichgesinnten gut. Mein Freundeskreis besteht zum Beispiel nicht aus Reisejunkies, daher suche Dir Leute, die wie Du ticken: Reiseblogs, Communities. Suche nach Dingen/Hobbies/Jobs, die Dich begeistern und erfüllen. Bei mir war es damals die Berufung als Ayurveda Therapeutin zu arbeiten oder den Flamenco-Tanzkurs zu buchen. Heute ist es der intensive Austausch mit anderen Reisebloggern. Gib Dir vor allem Zeit, Dich wieder einzugliedern und setze Dich nicht unter Druck. Isoliere Dich nicht, sondern suche den Kontakt nach außen.

Was fällt Dir schwerer? Fortzugehen oder heimzukehren?

 

 

 

18 Responses

  1. Schöner Text, mal sehen wie es uns so geht nach 18 Monaten auf Tour um die Welt. Wir melden uns dann ggf. nochmal.

    Grüße aus Argentinien.
    Constantin & Kerstin

  2. Mir fällt es schwer zu bleiben.
    Ich war noch so lange Zeit auf Reisen wie du gewesen, spüre aber, dass ich genau mit den Umständen, die du beschrieben hast und die hier besonders im Winter so präsent sind, hadere. Im Prinzip war ich bisher nicht weg gewesen, um trotzdem die gleichen Dinge wie du in meinem Umfeld wahrzunehmen .
    Ich denke, dass es unabhängig von längeren Reisen sein kann, dass man sich weiterentwickelt während die anderen so bleiben. Nur spürt man beim Heimkehren den Unterschied deutlicher und weiß schon beim fortgehen, dass man sich selbst und die Dinge verändern werden und alles anders ist, wenn man wiederkommt. Dein Tipp ist daher wunderbar.

    Ich bin selbst digitaler Nomade und verabschiede mich gerade nach und nach von denen, die in der alten Welt bleiben wollen und suche den Kontakt zu Gleichgesinnten. Kann ich nur jedem empfehlen. Denn es ermutigt den eigenen Weg weiterzugehen.

    Vielen Dank für Deinen tollen Post!

    LG Margarete

    1. Reisenomadin

      Liebe Margarete,

      lieben Dank für deinen Kommentar. Kann ich alles sehr gut nachvollziehen, was du schreibst.
      Ich wünsche dir viel Erfolg für deinen neuen Werdegang und alle Daumen sind natürlich gedrückt :)!

      LG,
      Janine

  3. Hallo Janine!

    Jedes Wort in Deinem treffenden Text spricht mir gerade mitten aus dem Herzen.

    Seit 10 Tagen sind wir zurück in Deutschland – und ich bin total schockiert und komme mir vor wie ein Außerirdischer. Überall nur arbeitende, gestresste Leute – alles ist geplant und organisiert, niemand auf der Strasse oder in den Geschäften hat Zeit für ein Lächeln und keiner der Heimgebliebenen versteht, worin der Unterschied zwischen „Reise“ und „Urlaub“ besteht.

    Wir hatten eine 5-monatige Sabbatauszeit im neuseeländischen Sommer. Schon in den letzten beiden Tagen vor der Rückreise hatte ich nur noch Tränen in den Augen, weil ich nicht weg wollte – doch jetzt nach der Rückkehr komme ich aus dem Heulen gar nicht mehr heraus – Es ist die Hölle: Zurückkehren ist im gleichen Maße qualvoll und einsam, wie die Reise vorher glücklich, frei und kommunikativ war…

    Vielen Dank für Deinen gleichgesinnten Text,

    Dein Matthi

    1. Reisenomadin

      Hallo Matthi,

      es gibt mehr Gleichgesinnte als Du Dir vorstellen kannst :), auch wenn wir sie manchmal in unserem Umfeld nicht finden. Jedoch verstehe ich Dich sehr gut!

      Versuche Dir Zeit zu geben, um anzukommen, um Dich wieder in Deutschland zu akklimatisieren. Wenn Ihr nach einigen Wochen/Monaten merken solltet, dass es echt nicht geht, dann solltet Ihr vielleicht Alternativen in Erwägung ziehen. Es gibt nichts schlimmeres als dauerhaft irgendwo unglücklich zu sein :).

      Alles Liebe,
      Janine

  4. Pingback : www.bereisediewelt.de Job gekündigt und was nun? 9 to 5 oder digitaler Nomade?

  5. Hallo Janine!

    Ein schöner Blogpost! Genau mit dieser Frage setze ich mich auseinander.. Ich lebe seit knapp 1,5 Jahren in Hong Kong und so langsam mache ich mir Gedanken wegen der Heimkehr. Als ich damals aufgebrochen bin habe ich mir irgendwie viel weniger Gedanken gemacht.. Ich habe schon Respekt vor der Eingliederung, hoffe aber, dass es mit der Unterstützung von Freunden und Familie leichter fällt und man wieder die Vorteile an der Heimat zu schätzen lernt.
    Liebe Grüße,
    Kaja

    1. Reisenomadin

      Liebe Kaja,

      das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mich tatsächlich sehr schwer getan und selbst heute fällt es mir nach jeder Reise nicht leicht. Ich falle immer noch in einem Loch und muss mich erst wieder akklimatisieren ;). Wie lange bleibst du noch in Hong Kong?

      LG,
      Janine

  6. Das kann ich mir sehr, sehr gut vorstellen! Und genau vor diesem Loch habe ich auch ein wenig Angst. Ja, das ist eine gute Frage wie lange ich noch im Ausland bleiben werde… So richtig entscheiden kann ich mich nicht. Mir gefällt mein Leben in Hong Kong unglaublich gut, aber ich vermisse auch meine Freunde aus Deutschland. Irgendwie habe ich das Gefühl, wenn ich zurück in die Heimat gehe, dann ist das Abenteuer vorbei und es gibt auch kein zurück mehr.

    1. Reisenomadin

      Ihwo :), bin nach einigen Jahren in Deutschland noch mal für drei Monate nach Singapur gegangen zum Arbeiten. Zurück geht immer, aber mittlerweile weiß ich eine feste Homebase sehr zu schätzen. Ich bin in einer glücklichen Beziehung und sehr froh meine Familie um mich zu haben. Die Reiselust ist geblieben und ich versuche so gut es geht, es immer auszuleben :). In Hong Kong würde ich mich mit den wenigen Urlaubstagen glaube ich schwer tun :D.

  7. Ich kenne das Gefühl ebenfalls nur zu gut. Es war nach der ersten langen Tour 2009 schon schwer sich wieder einzugliedern und gerade stecke ich wieder in der gleichen Phase. Allerdings gehe ich das jetzt anders an als damals. Dabei hilft mir mein Blog und eben der Austausch mit Gleichgesinnten ungemein. Bin jetzt auch drauf und dran alles freier zu gestalten, sodass ich mir erstmal diese Ortsabhängigkeit aus den Füßen räume 🙂

    Wir packen das!!!

  8. Pingback : Warum ich gerne zurück nach Hause komme - Reiseblog Gecko Footsteps

  9. Wie gut ich das kenne! Die ersten Tage “zu Hause“, dieses Gefühl des nicht dazu Gehörens und vielleicht auch das Vermissen des Vergangenen. In 10 Tagen fliege ich nach über einem halben Jahr wieder nach Deutschland und mich grault es jetzt schon. Ich versuche mir die ersten Tage mit vielen Terminen vollzupacken, damit es vielleicht nicht allzu schlimm wird

    1. Reisenomadin

      Es tut auf jeden Fall gut die Freunde und Familie wiederzusehen :). Das lenkt ab. Und vor allem, gib dir Zeit anzukommen :).

      Liebe Grüße,
      Janine

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