3
Mai
2015
0

Reisen & Arbeiten: 4 Jahre als Schlittenhund-Guide in Skandinavien

Die Serie Reisen & Arbeiten geht weiter. Melanie von World Whisperer arbeitete vier Jahre als Schlittenhund-Guide in Skandinavien. Bei -48° Grad arbeitete sie 10 – 24 Stunden am Tag ohne fließendes Wasser und Strom. Das klingt nach „Into the Wild“ pur! Das man für den Job jeweils 20 Liter pro Hand schleppen kann, ist Bedingung. Typische To-Dos auf den Touren waren Eisloch bohren, Holz hacken, den Kamin anfeuern und natürlich die Versorgung der Hunde. Ein echter Knochenjob! Für Melanie war es vier Jahre ein Traumjob! Aber lese es selbst:

Manchmal war es ganz schön kalt für Melanie.

Manchmal war es ganz schön kalt für Melanie.

1. Wie kommt man dazu Schlittenhund-Guide zu werden?

Hunde waren schon immer meine Lieblingstiere, auch wenn ich leider nie einen besessen habe, da ich in einer Reise-Familie aufgewachsen bin. Zur meiner Zeit als Reiseverkehrskauffrau gewann ich ein Gewinnspiel und flog mit einer Arbeitskollegin nach Norwegen, um eine Woche an einer Hundeschlittentour teilzunehmen. Schon damals fragte ich dort die ganzen Angestellten aus, wie man an einen solchen Job kommt, da ich mich sofort in das Schlittenfahren und diese speziellen Hunde verliebte. Zuerst stand aber meine fast zweijährige Backpacking-Reise an.

Irgendwann saß ich in Neuseeland in einem Internet-Cafe und fragte mich, was ich als nächstes machen möchte, wenn ich in ein paar Monaten wieder zurückkehre. Spontan erinnerte ich mich an die tolle Zeit in Norwegen und bewarb mich direkt dort, in Schweden und Finnland bei verschiedenen Huskyfarmen.

2. Wie bist Du an den Job rangekommen?

Als ich in Neuseeland saß, schrieb ich E-Mails mit jeweils einem Foto von mir und meinem Lebenslauf. Einige Farmen schrieben zurück. Aus Finnland bekam ich eine E-Mail, dass sie dort zum Schlittenhunde-Guide ausbilden würden. Hier fragte ich noch einmal genauer nach und bekam die Zusage. Schon war alles unter Dach und Fach. Es gab nie ein Bewerbungsgespräch oder ähnliches. Die Ausbildung war unbezahlt, jedoch erhielt ich Kost und Logis.

3. Wo hast Du als Schlittenhund-Guide gearbeitet und wie lange?

Meine ersten drei Jahre (drei Winter-Saisons – eine Sommer-Saison) verbrachte ich im wunderschönen Finnisch-Lappland.  Genauer gesagt im Niemandsland zwischen Äkäslompolo und Muonio. Die Huskyfarm Äkäskero ist eine der größten Farmen Europas mit fast 600 Alaskan-Huskys. Die Winter-Saison ging meist von November bis April. Aber natürlich fingen wir schon im September an die Hunde zu trainieren und sie wieder auf die Wintermonate vorzubereiten.

In Norbotten in Schweden arbeitete ich ein ganzes Jahr bei Explore The North in Kangos. Ein kleiner Ort zwischen Pajala und Kiruna gelegen. Hier trainierten wir die Hunde schon im August und bauten ihre Muskeln auf.

Sonne knapp über dem Horizont

Sonne knapp über dem Horizont

4. Welche Voraussetzungen/Qualifikationen muss man dafür mitbringen? Gibt es eine Altersbegrenzung? Wie sieht das mit der Sprache aus?

Die Liebe zu Hunden steht natürlich im Vordergrund und ist somit das wichtigste Mitbringsel für diesen Job. Außerdem sollte man körperlich sehr belastbar sein. 20 Liter Wasser in jeder Hand mehrere 100m weit schleppen, Zwinger reparieren, Kämpfende Hunde voneinander trennen und vieles mehr ist genauso ein Teil der Arbeit wie das Schlittenfahren. Auch das sollte man nicht unterschätzen. Altersbeschränkungen gibt es keine. Über 18 sollte man sein, aber wir hatten auch schon Guides im mittleren Alter. Solange man fit ist, ist es egal!

In Finnland war das Klientel hauptsächlich Deutsch. Englischsprachige Gruppen waren eher die Seltenheit. In Schweden hatten wir internationale Gäste, wo Englisch die Hauptsprache war. Deutsch und Englisch sind auf jeden Fall Voraussetzung für den Job.

5. Wie sah so ein typischer Alltag bei Dir aus?

Ganz unterschiedlich. Es kommt ganz darauf an, ob ich eine Tour hatte oder nicht. An einem normalen Camp-Tag stand das Füttern, Putzen, Fell- und Krallenpflege sowie das Reparieren von Zwingern oder Schlitten im Vordergrund. Im Herbst, zur Vorbereitung auf den Winter, trainierten wir die Hunde jeden Tag mit dem Quadbikes. Im Winter fuhren wir Touren und auch hier kam es darauf an, ob wir eine Halbtagestour hatten, eine Tagestour oder verschiedene Übernachtungstouren.

Hier standen die Hunde immer im Vordergrund, sprich das Füttern und Säubern. Ebenso auch das Vorbereiten der Schlitten, Begrüßung der Gäste, Einweisung ins Schlittenfahren etc. Als Guide fuhr ich vorne weg, während die Gäste ihren eigenen Schlitten hinter mir lenkten.
Nach einer Halbtagestour oder einer Ganztagestour kam ich abends ins Camp zurück und die Hundepflege stand auf dem Plan. Auf den Übernachtungstouren waren wir auf den Hütten ohne Strom und ohne Wasser. Hier hieß es dann, für die Gäste ebenso wie für mich, Eisloch bohren, Holz hacken, den Kamin anfeuern, auf dem Gasherd kochen, abwaschen. Dies geschah nach der Versorgung der Hunde. Meine Arbeitszeiten waren in der Regel 10-24 Stunden am Tag. Es wurde nie langweilig, denn kein Tag glich dem anderen.

Als Schlittenhund-Guide on tour.

Als Schlittenhund-Guide on tour.

6. Wie sah die Unterkunft aus?

In Finnland lebten wir zu sechzehnt in einem „Guidehaus“ mitten im Hundekennel. Guides und Doghandler teilten sich gemeinsam, zu zweit oder zu viert ein Zimmer. Eine große Gemeinschaftsküche lud zum Kochen ein, das große Wohnzimmer mit Kamin zum Verweilen nach einem langen Arbeitstag. Leider froren die Leitungen regelmäßig ein, so dass auch uns arg kalt war. Die Wildnishütten waren schon um einiges angenehmer zu dieser Zeit. Hier bezahlten wir jeden Monat einen kleinen Obolus für unsere Unterkunft, das uns vom Gehalt abgezogen wurde.

In Schweden hatte ich eine kleine Wohnung im nächsten Dorf, gemeinsam mit meinem damaligen Freund. Für die anderen Guides und Helfer sowie das Hotelpersonal wurde ebenfalls eine Gemeinschaftsunterkunft gestellt.

7. Wie sieht das mit der Sicherheit und gesundheitlichen Versorgung aus?

In Finnland, wie auch in Schweden war ich über die Firma krankenversichert. Leider ist es nicht immer möglich, wenn man mal krank wird, einen Tag im Bett zu bleiben. Wenn Touren gebucht waren mussten wir in Finnland wie auch in Schweden rausfahren mit den Hunden. Grippe hin oder her. Aber dadurch wurde ich ziemlich hart im Nehmen!

Das nächste Gesundheitszentrum in Finnland war ca. 60 Km entfernt. In Schweden etwas weiter weg. Apotheken gab es in Finnland in ca. 25 Km Entfernung, während in Schweden ein kleiner Laden mit den wichtigsten Tabletten nur 7 Km entfernt zu finden war.

Wie es mit der Sicherheit aussieht? Nun ja, es ist so sicher wie man es sich selber macht. Natürlich sind es wilde Hunde. Keine Schoßhündchen die brav „Platz“ machen, wenn man es ihnen sagt. Kein Husky würde ohne Grund einen Menschen angreifen, jedoch einen anderen Hund und den gilt es zu retten. So kommt es schon einmal aus Versehen zu kleinen Bissverletzungen. Während den Bauarbeiten kann es natürlich vorkommen, dass hier und da ein Finger oder eine Hand gequetscht wird und Schürfwunden sowie kleinere Verletzungen könnte ich heute nicht mehr zählen, aber damit muss jeder in der Wildnis rechnen.

Huskys sind tolle Tiere.

Huskys sind tolle Tiere.

8. Mit welchen bürokratischen Hürden werde ich konfrontiert? (Arbeitsvisum, Krankenversicherung etc.)

Dadurch, dass ich mich im europäischen Ausland aufgehalten habe gibt es keine Hürden. Über meinen jeweiligen Arbeitgeber bekam ich eine Art Personennummer für das jeweilige Land und war dadurch auch krankenversichert. In Schweden wurde ebenfalls ein kleiner Beitrag zur Rentenversicherung abgezogen.

9. Welcher finanzielle Mehraufwand entsteht für mich bzw. welche Kosten kommen auf mich noch zu? (Arbeitsvisum, Krankenversicherung, Equipment, Verpflegung?)

Es kommt darauf an wo man angestellt ist. In Finnland wurde uns ein kleiner Betrag vom Gehalt für die Unterkunft abgezogen. Dazu bekamen wir einen kleinen Beitrag im Monat um uns Grundnahrungsmittel zu kaufen. Das reichte natürlich nicht aus. In Finnland bekamen wir keine Arbeitskleidung gestellt. Zumindest nicht alles. Somit müssen auf jeden Fall lange Unterwäsche, Handschuhe, Mütze und Schal gekauft werden. Als Guide sollte man auch ordentlich aussehen und sich sein eigenes Equipment mitbringen.

In Schweden kommt es ebenfalls darauf an, ob man die Angestelltenunterkunft nimmt oder eine eigene Wohnung sucht. So oder so muss das Essen selber bezahlt werden.

Hier wurde uns Arbeitskleidung gestellt. Natürlich nur die oberen Schichten, aber es war um einiges angenehmer – vor allem weil wir alle gleich aussahen.

In beiden Ländern mussten wir nichts bezahlen, wenn wir auf eine Wochen- oder Übernachtungstour mit den Gästen gingen. Hier durften wir natürlich kostenlos mitessen.

10. Was gefiel Dir besonders gut?

Das Arbeiten mit den Hunden stand immer im Vordergrund. Und genau das war das Besondere. Diese wunderbaren, einzigartigen Tiere waren immer für mich da. Wenn es mir schlecht ging konnte ich mich zu ihnen in den Zwinger hocken und mit ihnen kuscheln. Wenn ich glücklich war, machten sie mich noch glücklicher. Ich kümmerte mich um sie, fütterte, putzte, schnitt die Krallen und sie zogen meinen Schlitten und freuten sich rennen zu dürfen. Dieses Zusammenspiel war das Schönste am ganzen Job!

Mit Gästen auf Tour

Mit Gästen auf Tour

11. Was war weniger schön?

Ich bin kein Mensch der sich ärgert, wenn das Wetter schlecht ist, aber wenn es am Saisonstart keinen oder nicht genug Schnee gab, dann war es immer ziemlich unangenehm über Wurzeln, Gras und Matsch zu fahren. Wenn wir überhaupt Schlitten fahren konnten und nicht das Programm für die Gäste umgestalten musste.

Ebenfalls wenn es Überschwemmung auf den Seen gab nach Schneefall und einem Wärmeeinbruch. Nachher war alles nass und an den Kufen hing dickes Eis. Anstatt ein normales Programm in den Hütten durchzuführen beziehungsweise im Camp Feierabend zu haben, hieß es dann erst einmal „Kufen enteisen„. Auch Gäste die einem nie zuhörten und die Hunde dadurch in Gefahr brachten, waren ein absolutes No-Go, gab es aber leider immer wieder.

12. Gab es einen Moment, wo Du an Deine Grenze kamst?

Mehrere um ehrlich zu sein. Das Schlittenhunde-Guide Dasein verlangt von einem alles ab. Und es gibt immer wieder Situationen in denen man Entscheidungen treffen und einfach hoffen muss, dass es die richtigen waren. Ebenso wie manches Wetter körperlich von einem alles abverlangt. So musste ich nach einem Schneesturm mit fast einem Meter Neuschnee einen neuen Weg setzen und robbte vor den Hunden durch den Schnee. Eine Stunde später und nur 500 Meter weiter war ich froh im Wald angekommen zu sein und endlich wieder einen Trail erahnen zu können.

Eine weitere Grenze war der kälteste Tag meines Lebens mit -48 Grad. Diese Kälte kann man nicht in Worten ausdrücken. Frieren gehört dazu und man darf nicht vergessen sich zu bewegen. Viele Gäste verkrampften total, wenn es kälter wurde und immer erinnerte ich sie daran sich zu bewegen. Keine Bewegung bedeutet Erfrierungen und diese wiederum können in riskanten Situationen lebensbedrohlich werden.

13. Was hat Dich geprägt und vielleicht sogar verändert?

Allem voran hätte ich wohl vorher nur mit viel Mühe einen Nagel gerade in die Wand schlagen können. Aber seit diesen vier Jahren kann ich sogar neue Zwinger und Hundehütten bauen, Löcher in Zäunen reparieren und vieles mehr. Auch habe ich gelernt mit dem Tod von Tieren umzugehen. Natürlich stirbt immer mal wieder ein Hund oder auch zwei oder drei. Das passiert aufgrund einer Krankheit oder manchmal muss einer eingeschläfert werden. Früher ging es mir immer sehr nahe, aber inzwischen weiß ich, dass es besser ist, wenn ein alter Hund der nicht mehr richtig laufen kann oder Hüftprobleme hat „über die Regenbogenbrücke“ geht.

Auch habe ich gelernt mit extremen Situationen umzugehen. Wie zum Beispiel mit der Kälte. Heute sage ich häufig, dass mir das „Kälte-Gen“ fehlt, denn wenn andere frieren laufe ich meistens noch in kurzer Hose und T-Shirt umher.

14. Was würdest Du anderen empfehlen, die gerne mal als Schlittenhund-Guide arbeiten möchten?/Welche Tipps würdest Du ihnen auf dem Weg geben?

Ich würde allen, die diesen Job in Betracht ziehen empfehlen, alle Vorstellungen nur mit einem Hund zu kuscheln, sofort abwerfen. Es ist harte körperliche Arbeit, die einen an die Grenzen bringt und weit darüber hinaus. In Hütten im Schneesturm eingeschneit sein bei -48 ° Grad, offene Stellen in Seen, Hunde die eine Meinungsverschiedenheit austragen und vieles mehr fordern das Maximum an Kraft.

Auch würde ich jedem empfehlen sich erst einmal genau die Huskyfarm anzuschauen wo man arbeiten möchte. Einige erschießen ihre Hunde nur weil die Fellfarbe vielleicht nicht ihren Vorstellungen entspricht. Auch rein blauäugige Kennel würde ich meiden, da die Zucht mit blauen Augen oft von Krankheiten geprägt ist.

Aber allgemein betrachtet und wenn man mit all dem Oberen klar kommt, ist es ein absoluter Traumjob!

 

Könntest Du Dir vorstellen als Schlittenhund-Guide zu arbeiten oder hast schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Teile es mir mit :) !

Du möchtest auch das Reisen mit dem Arbeiten verbinden, aber weißt nicht so richtig wie? Dann schau mal hier vorbei. Ich helfe Dir gerne weiter :)!

 

5 Responses

  1. Nina Kraft

    Hallo Janine,

    vielen Dank für Deinen tollen Bericht. Ich habe konkret nach einem Doghandler Beitrag gesucht.
    Ich heiße Nina, bin 35 jahre und plane auch eine „Kariere“ als Doghandler. Ich habe etwas Hundeerfahrung aber die Arbeit mit Huskys in Skandinavien ist für mich ganz neu. Natürlich habe ich daher eine Menge Fragen. Z.B.: Ist es möglich ein Jahr durchgehend auch in der „Somnmerpause“ durchzuarbeiten?,Ist das Zusammeleben in Mehrbettzimmern etvt. schwierig? Wieviel Gehalt hast Du bekommen? Reicht das Geld oder braucht mannzusätzlich Eigenkapital.? Wo habt Ihr Euer Essen gakauft? Hast Du deine Wohnung in Deutschland untervermietet etc etc..
    Ich bin von Deiner Erfahrung sehr beeindruckt, und würde mich über einen Austausch sehr freuen.
    Liebe Grüße aus Berlin

    Nina

    1. Reisenomadin

      Liebe Nina,

      Deine Fragen kann dir am besten Mel direkt beantworten :). Kann sein sein, dass die Antwort ein wenig auf sich warten lässt, da sie gerade mit dem Schiff auf den Weltmeeren unterwegs ist und nicht immer Internetempfang hat ;).

      Liebe Grüße,
      Janine

    2. Hallo Janine,

      so jetzt komme ich auch dazu dir zu schreiben und deine Fragen zu beantworten.
      Es werden in der Sommerpause meistens nur 1-2 Jobs vergeben. Somit musst du dich gut stellen mit dem Chef. Doghandler Jobs sinda uch meistens nicht bezahlt und nur gegen Kost & Logie
      Das Zusammenleben in Mehrbettzimmern ist für mich kein Problem da ich als Backpacker ebenfalls in Hostels untergebracht war. Das musst du für dich selber rausfinden.
      Als Doghandler bekommst du wie gesagt meistens kein Geld. Als Guide bekommst du zwischen 500 – 1500EUR (brutto) kommt auf die Farm drauf an. Das Geld reicht zum überleben aber nicht um zu sparen.
      Das Essen haben wir gemeinschaftlich im nächsten Supermarkt gekauft.
      Eine Wohnung hatte ich nicht mehr. Die hab ich schon vor dem Backpacken aufgegeben.
      Wenn du noch Fragen hast, melde dich doch einfach auf meiner oben angegebenen Emailadresse :-)

      Liebe Grüße aus La Spezia
      Mel

  2. Pingback : www.bereisediewelt.de Auslandsjobs: Tanzchoreografin im Robinson Club

Leave a Reply