2
Aug
2015
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Wie Indien mein Leben veränderte – Teil 3

Ayurveda ist seit vielen Jahren ein etablierter Wellness-Trend und gehört zum Lifestyle vieler praktizierender Happy Minder. Doch kaum einer weiß, dass es sich hier um eine über 3.000 Jahre alte Medizin aus Indien, ja sogar Philosophie handelt und Yoga ein Teil des Ayurvedas ist. Als ich vor knapp 12 Jahren meine Ausbildung zur Ayurveda Therapeutin absolvierte, konnte kaum einer etwas damit anfangen. Als ich meiner Mutter beichtete, dass ich meinen sicheren Job als Verwaltungsassistentin kündige, um eine knapp 3.000 Euro teure Ayurveda Ausbildung zu machen, die in Europa noch nicht einmal anerkannt sei, war ihre Frage darauf: “Aloe Vera Ausbildung? Du bist doch nicht von sinnen!” Damals wurde ich belächelt, nicht ernst genommen und als Esotherik-Tante abgestempelt. Bei dem Versuch zu erklären, dass es sich hierbei um eine Wissenschaft handelt, war vergebens. In Indien ist die Ayurveda Medizin gleichermaßen anerkannt wie die Schulmedizin. Das Studium dauert ebenso lang und nach dem Abschluss praktizieren die Ärzte in Krankhäusern, Kliniken oder privaten Praxiseinrichtungen.

In dem ersten und zweiten Teil meiner Artikelserie hast Du die Hintergründe meiner Entscheidung erfahren und wie meine erste Begegnung mit Indien war. In diesem Beitrag erhältst Du einen Einblick in meine Ausbildung und was das Ganze mit mir machte.

Vorab eine kurze Erläuterung, was hinter der uralten Tradition von Ayurveda steckt. Wen das nicht interessiert, überspringt einfach die nächsten drei Absätze: Was verbirgt sich eigentlich hinter diesen warmen, wohltuenden Ölmassagen oder dem Stirnguss?

Indien Stirnölguss

„Ayus“ bedeutet Leben, „veda“ das Wissen. Ayurveda ist die Wissenschaft vom langen Leben. Es geht um eine gesunde Lebensführung und ganzheitliche Gesundheitslehre, indem sich Körper, Geist und Seele unter Berücksichtigung sämtlicher Umweltfaktoren im Einklang befinden. Im Ayurveda gibt es keine Dogmen, sprich kein “muss”. Vielmehr geht es darum, achtsam zu sich und seinen Körper zu sein, ein Gespür dafür zu bekommen, was Dir gut tut. Zu Ayurveda gehört nicht nur die ganzheitliche Medizin, sondern auch Chirurgie, Psychologie, Soziologie, Ernährung und Bewegung. Das uralte Wissen des Ayurveda geht aus der vedischen Hochkultur Altindiens hervor. Das Kernstück der ayurvedischen Medizin stellen die fünf Elemente dar: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Äther (Raum). Diese bilden wiederum die Doshas (Konstitutionen): Vata (Luft & Äther), Pitta (Feuer) und Kapha (Wasser & Erde). In jedem Menschen wirken diese drei Doshas. Jeder von uns hat sein individuelles Gleichgewicht von Vata, Pitta und Kapha, wobei in der Regel ein oder zwei Doshas dominieren. Ich bin zum Beispiel eine Kapha-Pitta Konstitution. Die Doshas prägen körperliche und geistige Merkmale.

Ayurveda sieht den Menschen als Mikrokosmos im Makrokosmos, somit spielen sich die oben genannten Elemente in allem wieder, sei es in der Ernährung oder auch halt auch in unserem Körper:

  • Wasser: Verdauungssäfte, Speichel, Körpersekrete
  • Erde: Knochen, Muskeln, Haut, Haare
  • Feuer: Stoffwechsel (z.B. Verdauung)
  • Luft: Bewegung (Herzschlag, Atmung, Muskelbewegung)
  • Äther: Alle Hohlräume (Nase, Brust- und Bauchraum, Atemwege, Magen-Darm-Trakt)

Wie Du siehst, ist das eine sehr umfangreiche und komplexe Wissenschaft, die sich nicht vollständig in einem Absatz, geschweige in einem Artikel niederschreiben lässt. Es gibt Dir jedoch einen kleinen Einblick.

Was habe ich also während meiner Ausbildung in Indien gelernt?

  • Heilmittelkunde: Pflanzenheilkunde mit ihren Eigenschaften und der Wirkung.
  • Diagnose: Konstitutionsbestimmung, Diagnostik: Puls-, Augen- und Zungendiagnose, Krankheitsursachen, Krankheitsverläufe.
  • Ernährungslehre: Du bist was Du isst! Nahrung ist wie Medizin, die auf unseren Körper und unsere Psyche wirkt. Auch hier werden allen Lebensmitteln Eigenschaften zugeordnet.
  • Gesundheitskunde: Ayurveda im Alltag und im Tagesablauf. Dazu gehören Morgenrituale, Körperhygiene, Yoga, Meditation oder auch die Nachtruhe.
  • Therapeutische Behandlungen: Ganzkörperölmassage (Abhyanga), Synchronmassage, Kopfmassage (Shiromardana), Kopfeinlauf (Shirovasti), Wickel (Picu), Augenbäder (Akshitarpana), Öleinläufe (Khadivasti), Massage mit Pulver (Udvartana), warmer Ölguß (Kayaseka), Stirnölguß (Shirodhara), Stempelmassage mit Blättern oder Zitrone (Pinda Sweda), Schwitzbäder (Ushma Sweda)

Kalarickal_ayurveda_praveen_yoga

Diese Ausbildung war auch gleichzeitig ein Retreat für mich und hat mich dermaßen geprägt, dass es mein Leben von Grund auf veränderte. Es änderte meine Persönlichkeit, meine Sichtweisen auf die Dinge, machte mich toleranter und duldsamer und vor allem achtsamer mit mir selbst. Kannst Du mir glauben, dass ich selten so glücklich war wie dort? Nicht nur das ich mit fabelhaften und interessanten Menschen zusammen war, ich erhielt jeden Tag wichtige Lehren. In dem Ayurvedazentrum in dem kleinen indischen Dorf Nelamangala wurde ich jeden Tag in Yoga, Meditation, Ayurveda Therapie und Philosophie unterrichtet und es war ein Geschenk für mich. Es war eine Reinigung meines Geistes und Körpers zugleich, ohne das es abgehoben klingen soll.

Jeden Tag standen wir um 5 Uhr auf, hatten erst mal eine Yoga Session.  Morgens, mittags und abends wurde ich mit leckeren, ayurvedischen Essen versorgt. Selten ging es meinem Magen so gut wie dort.

Wir waren insgesamt drei Lehrlinge, die diese Ausbildung absolvierten. Zusammen saßen wir beim Essen mit den anderen Gästen/Patienten. Insgesamt waren wir maximal zehn Anwesende, also eine sehr überschaubare Anzahl. Das machte das Ganze sehr persönlich und wir haben den anderen in der Zeit sehr gut kennengelernt. Wer nicht reden sondern sich auf sich konzentrieren wollte, saß am ”Silence”-Tisch. Nicht immer ist jemanden nach sozialen Kontakten zu Mute und manchmal muss man Erlebtes verarbeiten. Meistens genoss ich allerdings den Austausch mit den anderen.

Vormittags hatte ich immer Theorieunterricht in Ayurveda und nachmittags übten wir die ayurvedischen Behandlungen aus. Ich lebte das, saugte alles auf, war so glücklich! Ich spürte eine innere Ruhe, Zufriedenheit und Harmonie in mir. Es war halt ein Retreat. Es gab keinen Fernseher, kein Radio, keine Smartphones oder Laptops – keine Reizüberflutung. Ich fütterte meinen Geist und Körper nur mit wertvollen Dingen. Das Ayurvedazentrum war von Natur umgeben. Das Lauteste waren tatsächlich die Tiere, die uns umgaben, wie Grillen oder Frösche. Zu ersten Mal hatte ich das Gefühl im Einklang mit der Natur und mit mir selbst zu sein. Das Leben dort war so simpel und doch so wunderschön! Manchmal liegt das Glück in der Einfachheit.

Hat eine Reise Dich besonders geprägt? Wenn ja, verrate es mir gerne :).

Janine

Ich bin Janine und schreibe auf Bereise die Welt wie Vollzeitarbeitende, Weltentdecker und angehende analoge Reisenomaden, die Lust am Reisen ausleben können. Seit 13 Jahren reise ich, vier davon war ich als analoger Nomade durchgehend unterwegs. Ich sage immer, wer einmal Blut geleckt hat, ist für immer infiziert :).

7 Responses

  1. So stark wie dich Indien hat mich noch keine Reise verändert – das mag auch daran liegen, dass ich maximal 2 Wochen bislang in einem Land war.

    Dein Bericht liest sich sehr schön. Ich finde, dass wir generell mehr Ruhe im Alltag und weniger unsere mobilen Geräte wie Tablets, Handys etc. brauchen.

    Auf Kuba gabs kein Internet – ich habe es dort auch nicht vermisst. Bei den Kubanern habe ich noch einmal gesehen, wie unwichtig „Materialismus“ ist, was bei uns schon fast zu einer „Ersatzreligion“ geworden ist. Wenn es etwas nicht gibt, hadert man nicht mit dem Schicksal, sondern findet eine andere Lösung. Das beginnt bei Beschaffung von Lebensmitteln, geht weiter bei der Herstellung von Souvenirs und reicht bis hin zu den Ersatzteilen für die alten Oldtimer.

    Ich denke, obwohl die Menschen dort materiell gesehen, weniger haben als wir in Europa, waren sie glücklicher und das liegt definitiv nicht nur am Wetter.

    LG Myriam

    1. Reisenomadin

      Liebe Myriam,

      die Erfahrung habe ich bislang auf Reisen auch gemacht. Die Menschen, die am wenigsten hatten, waren herzliche, wirkten zufriedener und dankbarer als manch einer hier. Auch hat mich oft die Großzügigkeit überrascht.

      LG,
      Janine

  2. Hallo Janine,

    das klingt richtig gut. Ein Retreat habe ich noch nie ausprobiert. Ich war völlig im Einklang mit mir und meiner Welt, als ich mit meinem Freund durch die wunderschöne Landschaft Neuseelands in unserem Wohnmobil fuhr. Wir machten was wir wollten. So viel Weg wie wir Lust hatten. So viel Sightseeing wie wir wollen. Wir aßen Nudeln mit Ei an den schönsten Stränden und den verücktesten Landschaften und grillten und tranken Cafe wo wir Lust auf einen Halt hatten. Herrlich. Das war Freiheit und es fühlt sich auch in der Erinnerung noch sehr gut an.

    Überrascht war ich, wie sehr mich in Neuseeland die Landschaft fesselte. Am Ende wollten wir Städte gar nicht mehr sehen, weil wir so begeistert von der schönen Natur waren.

    Das war faszinierend.

    Viele Grüße
    Tanja

    1. Reisenomadin

      Hey Tanja,

      im Prinzip war es auch kein wirkliches Retreat, sondern eine Ausbildung, aber es fühlte sich so an :).
      Neuseeland hat auch seinen Zauber und wenn das Reisen einen mitreißt und du im hier und jetzt lebst, fühlt es sich in dem Moment vollkommen an. Wie schön, dass du diese Erfahrung auch machen konntest.

      LG,
      Janine

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