29
Okt
2017

“Du bist anders”! – Stimmt, ich bin hochsensibel und ein High Sensation Seeker

Ein Satz, den ich schon von Kindheit an höre – von den eigenen Eltern, aus dem Freundes- und Kollegenkreis. Ich war alles andere als Mainstream. In meinem Artikel von Anfang 2015 reiße ich das Thema bereits an. Eine Zeit lang war ich sogar felsenfest davon überzeugt, adoptiert worden zu sein oder dass ich im Krankenhaus vertauscht wurde, weil ich so anders bin. Kennst Du das Gefühl vielleicht anders zu sein? Eventuell das Gefühl zu haben, nicht so richtig reinzupassen? Dieser Artikel ist heute mehr ein Coming out, in das bislang nur die wenigsten Menschen eingeweiht sind. Doch vielleicht gibt es noch mehr bunte Persönlichkeiten da draußen?

Hallo, mein Name ist Janine und ich bin hochsensibel!

Was bedeutet Hochsensibilität (HSP)?

Mit fünf Jahren fällte ein Arzt bei mir die Diagnose ADHS. Ein Trugschluss wie sich später herausstellte. Doch die Andersartigkeit blieb. Durch eine Bekannte stieß ich auf das Thema Hochsensibilität. Von da an las ich viele Artikel und Bücher, fand mich zu 100 % darin wieder und hielt Rücksprache mit einem Psychologen. Ich fühle mich seit der Erkenntnis, eine hochsensible und vielbegabte Person zu sein, regelrecht befreit. Es ist, als ob ein starres Korsett von mir abgefallen wäre. Ich empfinde mein Leben seither als viel leichter und unbeschwerter. In mir hat sich ein Knoten gelöst.

Hochsensibilität ist keine Störung oder Krankheit. Wikipedia beschreibt den Begriff Hochsensibilität als ein psychologisches und neurophysiologisches Phänomen. Davon Betroffene nehmen Sinnesreize viel eingehender wahr und verarbeiten sie tiefer und reagieren auch dementsprechend stärker darauf als der Bevölkerungsdurchschnitt. Klassische Eigenschaften der Hochsensibilität sind:

  • ausgeprägte subtile und detailreiche Wahrnehmung
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen
  • hohe Eigenverantwortung und Wunsch nach Unabhängigkeit
  • sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt)
  • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken, häufig verbunden mit der Fähigkeit zum Quer- und Multiperspektivischem-Denken
  • gleichzeitige Wahrnehmung vieler Details einer Situation bei hoher Verarbeitungs- und Verknüpfungstiefe kann u.U. neue Wahrnehmungsbereiche und ungewöhnliche Zusammenhänge oder Sichtweisen erschließen
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn
  • hohe ethische und moralische Wertmaßstäbe
  • Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Neigung zu Selbstkritik und Perfektionismus
  • Bescheidenheit, Zurückhaltung und Loyalität

Wie äußert sich bei mir die Hochsensibilität?

Äußere wie auch innere Reize werden tiefer, intensiver und detaillierter wahrgenommen und gespeichert. Ich bin zum Beispiel sehr geruchs- und vor allem geräuschempfindlich. Seit jeher schlafe ich nur mit Ohropax. Wenn ich durch die Innenstadt laufe, dann nur mit Kopfhörern im Ohr. Die lauten und vor allem sehr unterschiedlichen Geräusche strengen mich an. Mein Gehirn ist damit beschäftigt viel mehr Informationen und Reize aufzunehmen und zu verarbeiten als bei manch Anderen. Das ist ebenso schwierig, wenn ich in einem vollen Café, Restaurant oder auf einer Veranstaltung meinem Gegenüber zuhören soll, sich mein Nachbar jedoch lautstark unterhält.

Großraumbüros sind die Hölle für mich, weil ich hier noch viel mehr Reizen ausgesetzt bin. Durch die ständige Ablenkung durch Geräusche, Gerüche, das Sehen und Spüren, ist die Konzentration nicht mehr vorhanden. Ich bin dann wie gelähmt. Kriege nichts mehr auf die Reihe. Bin nicht produktiv, was durch meinen schon eh übermäßig vorhandenen Selbstanspruch zu Frust führt. Das kann sehr anstrengend für mich sein und zu totaler Erschöpfung führen.

Ein weiteres Beispiel ist wie oben bereits angerissen, dass sich die inneren Reize in Form meiner Wahrnehmung und Intuition widerspiegeln. Nennen wir es mal einen guten Riecher haben. Ich bin sehr empfänglich für Stimmungen. Ich betrete einen Raum und spüre sofort was los ist. Das ist nicht immer positiv für mich. Ich weiß, wenn Menschen mich belügen, mich nicht mögen, ich nehme alle ihre negativen wie auch positiven Stimmungen wahr und durchschaue Strukturen.

Mein Kopf läuft permanent auf Hochtouren

Heute weiß ich warum ich immer wieder in die Burnout-Falle geriet. Die Begebenheiten stimmten nicht. Dazu kommen noch mein hohes Maß an Qualitätsbewusstsein, mein überdurchschnittliches Engagement, mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und die Erledigung meiner Arbeit mit Geschwindigkeit, Präzision und Effektivität. Ich kriege öfters von meinem Umfeld zu hören, auf der Überholspur zu leben und ein Perfektionist zu sein. Da ist etwas dran. Ebenso wie ich stets Vollgas gebe, dazu neige mich völlig zu verausgaben, meine Sinnesreize an ihre Grenzen bringe, brauche ich ebenso Pausen. Auch Pausen von Menschen, um wieder Kraft zu schöpfen und mich zu spüren. Sich nicht verpflichtet fühlen, keine Entscheidungen treffen, nicht reden, nicht denken – einfach nur sein.

Ein Leben als High Sensation Seeker

Der High Sensation Seeker ist eine Sparte der Hochsensibilität. Auf der einen Seite bin ich schüchtern und introvertiert. Ich brauche Ruhe und Stille, um mich wahrzunehmen, ein harmonisches Umfeld. Auf der anderen Seite suche ich immer wieder den “Kick” oder die Extreme in Form von Aktivitäten – wie meine Reiselust auszuleben, selber ein Flugzeug zu fliegen, zwischen zwei Kontinenten in Island zu schnorcheln, alle Zelte abzubrechen um neu anzufangen usw.

Ich hatte schon immer 1.000 Interessen, habe viel gemacht. Oft schämte ich mich dafür und verurteilte mich selbst. Viele Projekte gleichzeitig zu verfolgen wird geradezu als anrüchig und flatterhaft gesehen. Es wird im beruflichen Zusammenhang ganz schnell von einem Bauchladen gesprochen. Erfolg haben nur Spezialisten oder Koryphäen auf ihrem Gebiet. Menschen wie ich werden gerne als “Universaldilettanten” abgestempelt.

Hochsensibilität – Chronische Neugier und vielseitige Interessen

Während ich stets und auch noch heute mindestens zwei, drei Jobs gleichzeitig nachgehe, unternahm ich parallel Weiterbildungen oder ein Studium. Ich brauche die geistige Herausforderung und vor allem Abwechslung, sonst langweile ich mich schnell. Immer wieder suche ich neue Aufgaben, spannende Projekte und neige zu chronischer Neugier. Ich war schon immer vielseitig interessiert, absolvierte verschiedene Ausbildungen und übte scheinbar völlig zusammenhanglose Jobs aus. Ich muss bei allem was ich tue immer einen Sinn erkennen und pflege immer zu sagen “Dass das Leben zu kurz ist, um unglücklich zu sein.”

Als ursprünglich angehende Pianistin mit dem tiefen Wunsch Musik zu studieren, lernte ich dann doch einen bodenständigen kaufmännischen Beruf, den Industriekaufmann, bei einer Firma für Diamantwerkzeuge und Maschinen. Danach absolvierte ich die Ausbildung zur Ayurveda Massage-Therapeutin in Indien und machte die Entspannungspädagogin. Ich unternahm eine weitere Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapeutin. Ich schrieb mich für den Studiengang Asienwissenschaften ein, doch studierte später Journalismus, machte ein PR-Volontariat und eine Weiterbildung zum Online Marketing Manager. Heute arbeite ich als Bloggerin, Journalistin sowie als Online und Content Marketing Manager.

Langeweile gibt es bei mir nicht

Weitere Jobs, denen ich in der Vergangenheit unter anderem nachging, die jedoch nicht in meinem Lebenslauf erfasst sind: Kellnerin, Promoterin, Hostess, Model, Schauspielerin, Komparse, Moderationsassistentin, F & B Hostess im Restaurant und hinter der Bar, Barista, Boutique Verkäuferin, Kursleiterin für Baby Massage-Workshops.

Dazu kommen noch die zahlreichen Hobbys und Interessen, für die oftmals keine Zeit bleiben oder blieben: Reisen, Keyboard, Klavier, Flamenco, Ballett, Sprachen lernen wie Spanisch und Hindi, Yoga, Ausdauersport, Astrophysik, Psychologie, Philosophie, Acrymalerei, clean baking, vegane/vegetarische Ernährung, Gesundheitsthemen, Ayurveda und noch vieles mehr.

Mein Lebenslauf gleicht mit den zahlreichen Jobs einem bunten Blumenstrauß. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen muss, dass es in der Tourismusbranche oft Saison- und in der Medienbranche projektbezogene Verträge waren. Der Wunsch nach Sicherheit und einer gewissen Beständigkeit durch eine unbefristete Festanstellung blieb viele Jahre unerfüllt. Was unsere Arbeitswelt erwartet und wie es ist als HSP in diesem System zu leben, möchte ich jedoch in einem gesonderten Artikel schildern.

Ambivalentes Gefühl – Der Wunsch nach Freiheit und Sicherheit

So freiheitsliebend und unabhängig ich bin, benötige ich trotzdem Struktur. Ich hasse Routine, aber brauche Rituale. Die Unbeständigkeit spiegelt sich lediglich in meinen Interessen wieder. In sozialen Beziehungen verfolge ich hohe ethische Wertmaßstäbe, bin sehr loyal und brauche mein festes Umfeld. Vertrauen fasse ich schwer. Wie sagt man so schön “Wer die Menschen gut kennt, liebt die Tiere umso mehr.” Aus Erfahrung heraus mangelt es mir an Mut mich anderen zu öffnen. In dem Moment mache ich mich angreifbar. Ich lasse an mich nicht so leicht jemanden ran. Ich brauche meine Zeit, um mich an neue Menschen zu “gewöhnen”. Doch habe ich erstmal Vertrauen gefasst, lege ich meine Schüchternheit und Introvertiertheit ab und bin die loyalste sowie zuverlässigste Person, die sich jemand wünschen kann.

Oft bin ich die erste Ansprechpartnerin, wenn meine mir wichtigen Menschen mal richtig reden möchten, werde bei fremden Menschen schnell zur Vertrauensperson. Ich kann sehr gut organisieren und viele unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen. Ich erkenne die Verflechtung von Systemen untereinander und kann darauf gut Einfluss nehmen. Entscheidungen treffe ich mit Leichtigkeit. Ich bin analytisch und detailorientiert, habe ein hohes Qualitätsbewusstsein.

Der Knoten ist geplatzt

Mit der Erkenntnis hochsensibel und eine sogenannte “Scanner-Persönlichkeit” zu sein, weiß ich heute warum ich so bin wie ich bin. Ich schäme mich nicht mehr für meinen kunterbunten Lebenslauf oder für mein Persönlichkeitsmerkmal. Ich habe im Laufe meiner verschiedenen Tätigkeiten Erfahrungen gemacht, die viele meiner Kollegen mit einem konsequent durchgezogen Lebenslauf nicht mitbringen. So bin ich in der Lage ein Projekt oder eine Problemstellung aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. Ebenso helfen mir meine Intuition, Empathie und Menschenkenntnis bei der Personalrekrutierung. Mit der Erkenntnis muss ich mich nicht mehr verstecken oder mein vielseitiges Interesse als Schwäche sehen.

Just give a shit

Ja, das ist leichter gesagt als getan. Manchmal ist das ein langer Entwicklungsprozess. Wenn Dich Momente mit Selbstzweifeln plagen, Dich eine Unzufriedenheit oder Perspektivlosigkeit überkommt, hinterfrage den Sinn. Wo stehe ich? Was will ich? Das allerwichtigste dabei, bremse Dich selbst nicht aus. Trotz meiner Selbstzweifel bin ich stets meinen Weg gegangen und kümmerte mich nicht darum, was andere darüber denken. Nicht jeder findet meinen Lebensstil gut und immer wieder komme ich in die Bredouille mich dafür rechtfertigen zu müssen. Mir geht es um Entwicklung, Erfahrung und Wachstum. Ich brauche die Herausforderung und Abwechslung, ansonsten wäre es ein mittelmäßiges Leben für mich.

Letzten Endes muss nur ich zufrieden sein. Ich existiere nicht, um andere glücklich zu machen oder ihre Träume zu leben. Manche Leute gehen mit Bauchschmerzen zur Arbeit, leben unglückliche Beziehungen, sagen nicht was sie stört und natürlich kündigt man auch nicht einfach so.

Wer definiert eigentlich was man macht oder sollte?

Jetzt mal Butter bei die Fische! Was macht Dich glücklich? Lebst Du das Leben von anderen oder folgst Du Deinen Interessen? Hiermit meine ich nicht, Dich auf einen Ego-Trip zu begeben und rücksichtslos zu sein. Doch ein gesunder Egoismus ist nicht verkehrt. Muss ich mir selbst auch immer wieder hinter die Löffel schreiben. Immer nur zu funktionieren oder in dem Normrädchen unserer Gesellschaft mitzulaufen, wird Dich irgendwann umbringen. Überprüfe, welche Wünsche Deine eigenen sind und welche nur durch die Erwartungshaltung entstanden. Also raus aus dem Alltagstrott! Habe Mut Du selbst zu sein.

 

 

4 Responses

  1. Anja

    Danke, Janine!
    Für Deine Offenheit und Stärke Dich so zu zeigen wie Du bist!
    Ich habe mich in so vielem, was schreibst, wieder gefunden.
    Ich bin auch eine bekennende HSP, und noch so viel mehr.
    Alles Liebe und viel Kraft auf Deinem Weg!
    Vielleicht hören wir mal wieder voneinander. Ich würde mich freuen!

  2. Astrid

    Liebe Janine,

    in vielen Aspekten sprichst Du mir aus der Seele.
    Gerade “übersensibel“ auf Geräusche zu reagieren, wird leider oft kommentiert mit:
    Stell Dich nicht so an.
    Nachvollziehen können es die wenigsten, dass viele TATSÄCHLICH darunter leiden.
    Dir wünsche ich weiterhin so eine offene Umgangsart damit und viel Kraft!
    Liebe Grüsse
    Astrid

    1. Janine

      Liebe Astrid,

      ja der Satz kommt mir sehr bekannt vor, zumal es für uns in dem Moment sehr anstrengend und belastend sein kann. Für Nicht-HSPs ist das manchmal ein abstraktes Thema. Doch seit dieser Erkenntnis hochsensibel zu sein und wenn ich es meinem Gegenüber erkläre, bin ich in der nahen Vergangenheit auf Verständnis gestoßen.

      Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute und viel Kraft!

      Liebe Grüße,
      Janine

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