25
Nov
2017
Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Hinweise Winterreise Island | Notsituation durch Islands extremes Wetter

Während ich den Text hier schreibe, sitze ich nach einer ziemlichen Horrorfahrt in einem Reykjaviker Café. Bei einem Kaffee und Stück Kuchen versuche ich runterzukommen und das alles ein wenig zu verdauen. Unsere Rundreise um die Ringstraße brechen wir vier Tage früher als geplant ab. Noch immer bin ich voller Adrenalin und angespannt. Der Schock sitzt mir tief in den Knochen. Doch fangen wir von vorne an.

Island im Winter ist kalt und voller Schnee. Keine Überraschung! Doch wie sehr mich die Witterungsbedingungen und Straßenverhältnisse an meine Grenzen bringen würden, zeigte mir diese Reise! In kritischen Situationen ist es stets wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Panik zu geraten. Glaub mir, dass ist leichter gesagt als getan.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Island, eine arktische Insel voller eindrucksvoller Naturgewalten und -phänomene. In bisher keinem Land habe ich diese Extreme so erlebt wie hier. Es lehrte mich Demut, Extreme auszuhalten, flexibel zu handeln und vergegenwärtigte mir wie klein wir in dieser Welt doch manchmal wirken. Kaum ein anderes Land lehrte mich so viel wie Island.

Warum wir im Winter nach Island reisen

Als Reisemonat wählte ich den November. Warum? Weniger Touristen und trotzdem war es die letzten Jahre zu diesem Zeitpunkt noch mild – so wie letztes Jahr auch, als ich da war. Nach fünf idyllischen Wintertagen brechen wir Richtung Norden auf. Wir erkunden die Gegend im Mvatn Nationalpark. Die Straßen sind vereist und es liegt viel Schnee. Mit einem SUV, Allrad, Spikes an den Reifen sowie einer wetterangepassten Fahrweise machbar. Allerdings sollte man seine eigenen Fähigkeiten hinter dem Steuer realistisch einschätzen können und Erfahrung mitbringen.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Es ist unabdingbar sich jeden Tag mit Islands Wetter und Straßenverhältnissen zu beschäftigen. Island verlangt manchmal eine flexible Reiseplanung. Doch zu den Sicherheitshinweisen unten mehr.

Beim Ankommen am Flughafen sind die Straßen zwar verschneit, jedoch freigeräumt. Auf dem Weg in den Norden bekommen die Straßen- und Wetterverhältnisse katastrophale Zustände. Wir befinden uns in den Bergen des Mvatn Nationalparks. Das Wetter schlägt schlagartig um. Ein Schneesturm zieht auf. Die Straßen sind vereist.


Wie uns Islands extremes Wetter zum Verhängnis wurde

Die Isländer haben einen deutlich flotteren Fahrstil als wir. Hinter uns rast ein Truck mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu. Die Straßen sind glatt. Wir fahren weiter rechts, um ihn passieren zu lassen. Er braust an uns vorbei, drückt den Wagen nach rechts, so dass wir von der Straße in den Tiefschnee abkommen.

F***!!! Der Wagen steht in einem ziemlich schiefen Winkel. Rechts neben mir ist ein Abgrund. Es zieht sich alles in mir zusammen. Angst macht sich breit. Ich denke nur „Ich muss hier sofort raus!“ Der Schnee ist so hoch, dass ich die Tür auf meiner Beifahrerseite nicht öffnen kann. Meine größte Angst ist gerade, dass der Wagen noch weiter abrutscht und sich bei der Schieflage überschlägt. Meine Reisebegleitung und ich klettern prompt aus dem Wagen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es sind -13 °C. In der Hoffnung, dass vielleicht doch ein Auto vorbeifährt, halten wir Ausschau und haben Glück. Netterweise stoppt eine isländische Familie mit drei Kindern und einem pickepackevollen Kofferraum, der sogar mit Abschleppseil und einer Schaufel ausgestattet ist.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Der Super-GAU – schlimmer geht immer

Schnell wird ein Knoten gebunden, das Auto etwas vom Schnee befreit. Ab hinter das Steuer. Die Männer wissen wie man einen Wagen abschleppt. Auf einmal gibt es einen lauten Knall! Das Seil ist gerissen. Reflexartig springen alle aus dem Auto – meine Reisebegleitung in dem Moment ohne Jacke. Der Motor vom Wagen läuft weiter. Auf einmal verriegelt das Auto die Türen. Kein Witz! Normalerweise sollte das nicht passieren. Es ist der Super-GAU! Meine Reisebegleitung ohne Jacke, Handschuhe, Handys, Geld und alle Wertsachen im Auto. Wir können noch nicht mal den Notruf wählen.

Unseren Helfer in der Not nenne ich mal den Isländer. Er ruft Europcar in Reykjavik an und erklärt die Situation. Wenn wir die Scheibe einschlagen kostet es mindestens 1.000 Euro. Einen Ersatzschlüssel von Reykjavik nach Akureyri zu fliegen und in die Berge fahren zu lassen ironischerweise nur 100 Euro. Nur der wäre frühestens in fünf Stunden bei uns. Das passiert jetzt nicht wirklich, denke ich mir. Die oberste Priorität ist gerade irgendwie und irgendwo ins Warme zu gelangen. Es ist der Moment, wo wir am liebsten anfangen würden zu heulen. Langsam wird es dunkel in Island.

Im Wagen der Familie ist kein Platz und sie sind selbst auf Durchreise. Doch ohne Jacke können wir den Temperaturen nicht mehr lange standhalten.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Wir drohen zu erfrieren!

Nützt nichts. Alle Kinder kommen auf den Schoß und die isländische Familie fährt uns netterweise in die nächste Ortschaft zu einer Werkstatt. Der KFZ-Mechaniker schimpft mit uns „In solchen Situationen darf man nie versuchen den Wagen selbst rauszuziehen. Es bedarf eines stabilen und schweren Fahrzeugs, sonst bringt man sich nur unnötig in Gefahr.“ Nach kurzer Erklärung und Überlegung meint die Werkstatt, das Auto ohne Schlüssel öffnen und uns rausziehen zu können. Oh Gott, das wäre der Hammer! Wir beten gerade nur. Gemeinsam fahren wir zu der Unfallstelle.

Lange Rede kurzer Sinn: Wir wären nie rausgekommen! Selbst die Werkstatt hatte Schwierigkeiten den Wagen unbeschadet zu öffnen und das Auto aus dem Schnee zu ziehen. Die Aktion kostete uns 270 Euro, die wir gerne bereit waren zu zahlen.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass sieben Autos in der Region über Nacht im Schnee feststeckten, weil der Notruf und Abschleppdienst nicht mehr hinterher kamen.

Unser Abenteuer geht noch weiter.

In Island herrscht Alarmstufe Orange: Schneesturm und Lawinengefahr

Das Wetter in Island spitzt sich zu. Es wird ein Sturm vorhergesagt, der die ganze Woche wüten soll. Wir wollen morgen aus Akureyri abreisen. Alle Unterkünfte sind schon im Vorfeld gebucht. Das macht ein flexibles Reagieren auf Islands Wetter nicht einfach. Doch der ansteigende Tourismus macht eine spontane Buchung mittlerweile unmöglich und wenn, ist es abenteuerlich teuer.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Die Ringstraße Richtung Westfjorde ist noch frei. Die Autofahrt ist schon nervenaufreibend. Selbst der Winterdienst vor uns muss mitten auf dem Weg mit Warnblinker halten. Es ist nichts mehr zu erkennen. Die Schneeverwehungen auf den Straßen verdecken das Eis unter uns. Immer wieder rutschen wir hin und her. Es verlangt höchste Konzentration beim Fahren ab. Wir machen drei Kreuze als wir in der Unterkunft mitten im Nirgendwo ankommen. Wir sind die einzigen Gäste. Der Sturm wird immer schlimmer.

Auf allen Straßen des Landes herrscht Eisglätte, hinzu kommen Schneestürme und Tiefschnee. Viele Bergpässe sind unbefahrbar. In Teilen Nordislands und den Westfjorden herrscht akute Lawinengefahr. Der einzige Gedanke: „Wir müssen hier weg!“.

Mittlerweile machen wir uns echt Sorgen. Macht es Sinn diese Reise noch fortzuführen? Definitiv nicht! Ich habe mittlerweile genug vom Abenteuer Island und will nur noch sicher sein.

Hinweise Winterreise Island - Schneesturm

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Wir brechen unsere Rundreise vier Tage früher als geplant ab

Am nächsten Morgen ist es windstill. Wir nutzen die Chance, um nach Reykjavik zu fahren. Dann sind wir zumindest in der Nähe des Flughafens. Ich lade mir noch die Island Notfall-App runter, um im Falle eines Falles ein GPS-Signal senden zu können. Über road.is verschaffen wir uns einen Überblick. Über Google Maps scheint es, dass wir nur über Flachland fahren. Ein Trugschluss!

Die Fahrt beginnt vorerst entspannt. Nach 60 Kilometern wird die Sicht schlagartig schlechter. Für eine Rückkehr ist es schon zu spät. Es führt kein Weg daran vorbei, den vor uns liegenden Bergpass zu überqueren. Alle anderen Straßen sind bereits gesperrt.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Es sind keine Autos unterwegs. Wir sind die einzigen. Das Auto wackelt ziemlich durch den Sturm. Ein Windstoß und bei dem Eis würden wir vom Berghang abstürzen. Leitplanken? Fehlanzeige!

Vor uns sind Nebelwände. Wir befinden uns mitten auf dem Berg mit dem Gedanken, Lawinen und Schneesturm ausgesetzt zu sein. Wir sehen nichts mehr. Halten an. Panik macht sich in mir breit! Ich habe Todesangst. Befinden wir uns schon in Lebensgefahr? Soll ich die Notfall-App betätigen? Es ist manchmal nicht leicht, die Situation richtig einzuschätzen.

Mit knapp 10 Stundenkilometern bewegen wir uns vorsichtig über die vereiste Straße durch tiefe Schneeverwehungen und tasten uns vorsichtig von einem Pfosten der Straßenmarkierung zum nächsten. Es sind nur noch genau sechs Kilometer bis zur Ringstraße. Nicht viel, doch mir kommt diese Strecke wie eine Ewigkeit vor. Wir brauchen ungefähr 30 bis 40 Minuten. Endlich…es geht bergab. Die Sicht bessert sich.

Später erfahren wir, dass genau an der Stelle acht Autos ineinander krachten.

Fazit Abenteuer Island im Winter

Die Situationen waren riskant, brenzlig und die einschneidenden Erlebnisse werde ich nie vergessen. Unsere Intuition ließ uns während unserer Reise nicht im Stich. Es war schon eine Ironie des Schicksals. Denn jedes Mal wenn wir die Entscheidung trafen weiterzufahren, war genau die Straße am nächsten Tag gesperrt und der Sturm spitzte sich zu. Wir wären definitiv nicht mehr weggekommen und hätten mehrere Tage in einem Auto ausharren sowie nicht zurückfliegen können. Es ist unglaublich wichtig einen klaren Kopf zu behalten, tief ein- und auszuatmen. Humor kann in solchen Situationen gut helfen. Des Weiteren habe ich hier die wichtigsten Sicherheitshinweise für eine Rundreise durch Island im Winter zusammengetragen.

Hinweise Winterreise Island - Straßenverhältnisse

Sicherheitshinweise Rundreise Island im Winter:

  •      Gute Planung ist das A und O. Überraschende Sperrungen sind keine Seltenheit. Flexible Reiseplanungen sind gefragt, auch wenn es, wie in diesem Fall, bedeutet, Kosten für eine zusätzliche Unterkunft aufzubringen.
  •      Fahre nur mit einem wintergerecht ausgerüsteten Fahrzeug wie einem SUV/Jeep mit Allrad und Spikes an den Rädern.
  •      Erkundige Dich vor jeder Fahrt nach den Wettermeldungen über http://en.vedur.is/.
  •      Prüfe die Straßenverhältnisse auf http://www.road.is/ hinsichtlich Deiner Reiseroute. Warnmeldungen findest Du über http://safetravel.is/.
  •      Niemals auf Reserve fahren! Es kommt vor, dass auf langen Strecken keine Tankstelle kommt.
  •      Sei auf den worst case eingestellt! Es kann immer sein, dass Du mehrere Stunden oder vielleicht auch die Nacht im Auto ausharren musst.
    • Habe genügend warme Sachen, Akku-Bank oder USB-Ladekabel dabei, Lebensmittel und Getränke im Auto.
    • Sorge dafür, dass Du immer genug Benzin im Tank hast. Unser Tank war ständig mindestens halbvoll. Das lässt sich mit laufendem Motor und somit funktionierender Heizung deutlich besser aushalten.

Weitere Tipps und Informationen über Autofahren in Island liest Du bei Marc von Island Ringstraße. Er hat eine zeitlang in Island gelebt, fliegt so oft es geht dorthin und ich würde behaupten, er kennt Island mittlerweile als Reisender wie aus seiner Westentasche.

Warst Du schon einmal in einer brenzligen Situation? Wenn ja, was war passiert und wie gingst Du damit um?

 

 

5 Responses

    1. Janine

      Ja, wir kamen wirklich von einem Schlamassel in den nächsten :/. Letztendlich hatten wir jedoch Glück im Unglück!

      Viele Grüße,
      Janine

  1. Hui. Gut dass ihr es heil nach Hause geschafft habt!

    Kann mich deinen Tipps nur anschließen: Vor allem Vorbereitung ist das A und O. Wenn es mal zu einer brenzligen Situation kommt: Ruhe bewahren (leichter gesagt als getan).

    Rundreisen im Winter sind wirlkich ein bisschen wie Lotto spielen: Kann wirklich toll sein, kann aber auch schief gehen… 😉

    1. Janine

      Hi Marc,

      ja, wir sind auch heilfroh :). Das mit dem Lotto spielen sagst du etwas :). #lebenamlimit…haha :D.

      Liebe Grüße,
      Janine

  2. Pingback : Island im Winter mit Hilux 4x4 - der etwas andere Reisebericht

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